Was mangelnder Sozialkontakt mit uns macht – und wie wir wieder rauskommen
In unserer Reihe über Einsamkeit schreibt Irene-Widmer-Huber im 3. Teil über die Folgen.
„Seit Corona könnte ich mich als telefonische Beraterin anstellen lassen“, sagt Irene Widmer-Huber von der Fachstelle Gemeinschaft. Aus dem, was davor gut in der Freizeit zu bewältigen war, ist mittlerweile eine ernsthafte Aufgabe geworden. Hier einige aktuelle Beispiele (*Namen sind geändert):
Vorgestern war es wieder so weit: „Grüezi Frau Müller*, ich habe ihre Nachricht auf dem Telefonbeantworter gehört. Sie haben mich gesucht?“ „Ja, Frau Widmer, ich bin viel zu viel allein,“ platzte es ohne Umschweife aus ihr heraus. Und dann begann sie zu erzählen: Von ihrem Mann, der gestorben ist. Von erwachsenen Kindern, die weggezogen sind. Von ihrer Pensionierung, dem Leben mit gewissen körperlichen Beschwerden. Wie sie Kontakte gesucht – und bald wieder abgebrochen hat. Von einer Wohnsituation, wo es so schön – aber leider für sie auf die Dauer viel zu teuer war. Ob sie vielleicht bei uns wohnen könne? Leider, so versuchte ich ihr zu erklären, sei unser Gemeinschaftshaus voll besetzt. Wir suchten im Internet gemeinsam nach Alternativen und ich konnte sie – nach geschlagenen 1,5 Stunden am Telefon! – mit einer weiterführenden Telefonnummer verabschieden.
Gestern war mein offener Mittagstisch in unserer Lebensgemeinschaft. Wir saßen zu Elft um unseren grossen Stubentisch bei offenem Fenster. Das Essen war gut und die Stimmung auch. Eine buntgemischte Schar: einzelne Mitwohnende, eine befreundete Familie und mitten unter ihnen eine Handvoll jener Menschen, die dankbar unseren Moment des Miteinanders annehmen.
Und heute? Heute konnte ich Herrn Mayer* eine Telefonnummer für ein Wohnen in Gemeinschaft weitergeben. Ihm habe ich erst vor kurzem wegen einer Wohnung absagen müssen. Er war so bitter enttäuscht. Und Frau Müller hat mich nochmals zu erreichen versucht: Wird denn nichts frei bei uns? Nein. Auch das nicht. Leider nein.
Und um ganz ehrlich zu sein: wir wären mit Frau Müller wohl auch überfordert. Die vielen einsamen Stunden haben sie sehr geprägt. Oder wie sonst lässt es sich erklären, dass sie mir, einer wildfremden Person, das Herz ausgeschüttet hat? Über 90 Minuten und trotz mehreren Versuchen von mir, das Gespräch abzukürzen oder gut zu beenden?
Gesund leben lernen und bewusst Beziehungsfähigkeit trainieren
Was ich seit langem predige und im Kopf schon immer wusste, ist in meinem Alltag dringlichste und bittere Realität geworden: Es ist nicht gut – es ist wirklich nicht gut, wenn der Mensch allein bleibt. Die Gefahr ist zu gross, dass wir krank, elend und allein in unserer Wohnung enden – und einer wildfremden Person unser Herz ausschütten. Einfach, weil es niemanden sonst mehr gibt.
Eigentlich ist unsere Gesellschaft ja gesundheitsbewusst geworden: Wir investieren Geld in unser Fitnessabonnement, wir essen gesund, vielleicht vegetarisch oder vegan. Wir bewegen uns, schauen mit kritischem Blick auf die Waage und diskutieren unsere Work-Life-Balance.
Was aber ist mit unseren sozialen Kontakten, mit unseren Freundschaften, mit den Treffen von Solo&Co, mit unserer Wohnform? Ist es vielleicht gerade das, was wir letztlich als „zuviel“ aus unserem Terminkalender streichen? Zögern wir vielleicht gerade da, uns verbindlich festzulegen? Geben wir auf, weil wir die menschliche Spezies so mühsam finden? Und begreifen nicht, dass wir dabei sind, unsere persönliche Beziehungsfähigkeit zu vernachlässigen.
Mir erscheint das alles höchst ungesund: Beziehungsfähigkeit geschieht nicht einfach so. Sie braucht Training. Sie wächst in den Schwierigkeiten, in Konflikten, im gelebten Alltag mit Menschen. Scheint es uns zu kompliziert? Entschuldigen wir uns mit schlechten Erfahrungen und sitzen lieber zuhause am Computer?
Da wäre vielleicht einmal ganz selbstkritisch zu fragen: Geben wir denn das gesunde Wandern auch nur deshalb auf, weil uns einmal Kälte und Regen erwischte? Wohl kaum. Und so ist es auch mit unserer „Beziehungsfitness“: Damit wir gesund bleiben – psychisch, physisch, geistlich – wagen wir das tägliche Training, öffnen wir unsere Stuben, organisieren einen Spielenachmittag, kochen gemeinsam (Bild), gehen zusammen wandern. Vielleicht schon nächstes Wochenende durch einen schönen Herbstwald…!
Irene Widmer-Huber, Schweiz













