Unsere erste Pause machen wir am Waldhaus Schnalz, einem urigen, von Fischern betriebenem privaten Haus. Die erste Rast auf den Bänken an der Hauswand gibt Gelegenheit, die Wasservorräte nachzufüllen. Dann durchqueren wir die wildromantische Ammerschlucht, als Oberbayerns „Grand Canyon“ bekannt.
Enge wahrnehmen
Der Weg ist schmal, windet sich, einfache Brücken helfen über Wasser, Trittsicherheit ist gefragt. „Den Weg durch die Schlucht“, mahnt der Pilgerbegleiter, „gehen wir schweigend und denken nach, wo wir Enge im Leben erleben, wo sie uns gut- und wo sie uns wehtut.“ Nachdem das Schweigen aufgehoben ist, tauschen wir uns untereinander über unsere Erfahrungen aus. Wie die Schlucht Schutz gewährt, gibt Enge ja auch einen Rahmen fürs Leben. Wir suchen uns eine geschmückte Streichholz-Schachtel aus, in die wir symbolisch einpacken, was uns bewegt, oder auch das, was uns auf dem weiteren Weg an Schönem begegnet.
Bereits im geschichtsträchtigen Rottenbuch zeigt sich, dass die Suche nach dem Pilgerstempel einen wichtigen Stellenwert bei einer Pilgerwanderung einnimmt. Gestärkt durch Eiskaffee, geht’s auf die letzte Tagesetappe nach Wildsteig. In der Pfarrkirche St. Jakob bringen wir unsere Schatzkästchen vor Gott und zünden eine kleine Kerze an. Wer will, kann dabei seine Eindrücke zum Tag mitteilen oder dies in aller Stille vor Gott tun. Im Gasthof zur Post finden wir Stärkung, in der Pension Schmelzer eine Unterkunft. Wir sind dankbar, vom Unwetter verschont geblieben zu sein.
Nachdem wir uns am nächsten Morgen in St. Jakob unter den Segen Gottes gestellt haben, marschieren wir in Richtung Wieskirche, Unesco-Welterbe und Rokoko-Juwel. Das Regenwetter hält uns nicht wirklich ab, gelegentliches Unterstellen bewahrt uns vor den kräftigsten Schauern. Der Aufenthalt bei der Wieskirche ist knapp bemessen, die Tagesstrecke von 22 km muss bewältigt werden.
Weite erfahren
Der Weg führt auf Holzplanken durch das Wiesfilz nach Steingaden, ein alter Kirchenweg. Am Welfenmünster, der Prämonstratenserkirche mit Klostergarten und Kreuzgang rasten wir. Die heutige Etappe führt uns in lichte Weite. Im Schweigen fragen wir uns, wo wir in unserem Leben Weite erlebt haben, geschenkt bekamen und was Weite für uns bedeutet. Über das Städtchen Lechbruck gelangen wir schließlich nach Bernbeuren, wo wir heute übernachten. Hier stehen drei kirchliche Gebäude auf dem Berg dicht beieinander: Die Pfarrkirche St. Nikolaus, die Wallfahrtskapelle Maria Heimsuchung und dazwischen die kleine Lourdeskapelle. In der Pfarrkirche beenden wir den erlebnisreichen, aber anstrengenden Marsch durch Wind, Regen und Sonnenschein und sind dankbar für die Bewahrung. Das Abendessen, die Betten, die Zimmer, die sehr freundlichen Gastwirtsleute beim Doldewirt in Bernbeuren — gern würden wir noch länger bleiben.
Nach einem sehr, sehr reichhaltigen Frühstück empfangen wir in der Pfarrkirche St. Nikolaus den Pilgersegen. Dann steigen wir durch die Feuersteinschlucht hinauf auf den Auerberg, zur Sankt-Georgs-Kapelle auf 1055 Meter Höhe. Kurz vor Ende der Schlucht empfangen wir die Gaben des Abendmahls und singen einen Kanon über Gottes Gnade.
Gottes Ordnung
Der grandiose Fernblick lässt eine geordnete Landschaft erkennen, in der Dörfer, Wiesen und Wälder harmonisch ineinander fließen. Beim Gehen im Schweigen überlegt jeder für sich, wo sein Leben geordnet ist und wo mehr Ordnung ins Leben kommen dürfte. Meine berufliche Perspektive könnte eine Klärung brauchen, merke ich. Nach einem weiteren schönen Aussichtspunkt folgen wir dem Weg weiter nach Stötten am Auerberg. Die malerisch gelegene Kirche St. Peter und Paul macht uns staunen über ihre tolle Fassade und reiche Innenausstattung.
Nach 19 km erreichen wir den Endpunkt unserer Pilgerwanderung, Marktoberdorf, über eine wunderschöne, 200 Jahre alte Lindenallee. Aus Pilgerkarten, die im Kreis auf dem Boden ausgelegt sind, dürfen wir uns die aussuchen, die uns von Bild und Text her besonders anspricht. Ein Pilger liest mir meinen Text vor: „Es ist Zeit, etwas Neues zu beginnen und dem Zauber des Anfangs zu vertrauen.“ Meister Eckarts Zuspruch nehme ich in meinen Alltag mit.
Beim Pilgern ist jeder einzeln mit Gott unterwegs. Doch die Gemeinschaft hilft, die Anstrengungen des Weges zu meistern und in Austausch zu kommen. Eine gute Erfahrung. Nicht nur für Singles, aber auch für sie.
Andreas H.












